![]() |
||
![]() |
||
Fachtagung: „Familien stärken - Netzwerke schaffen“ Frühe Förderung von Kindern und Familien als aktuelle Aufgabe der Eltern- und Familienbildung Betrachtungen und Erfahrungen aus der Perspektive der Jugendhilfe und Vorstellung des Vernetzungsprojektes „steps“ (Kurzfassung des Referates)
Einleitung Sozialisation und Gesundheit sind eng miteinander verbunden und bestimmen in einem fortwährenden aktiven Prozess die individuellen Möglichkeiten der Lebensbewältigung. Der Umgang mit besonders belastenden Ereignissen des Alltags ist abhängig von personalen und sozialen Ressourcen. Es sind vielfältige „Schritte“ erforderlich, um in der praktischen Arbeit Familien durch Angebote der Verhaltens- und Verhältnisprävention zu unterstützen. Gesellschaftlich wird der Wunsch nach frühen Hilfen besonders eingefordert in der Verbindung von Förderung und Schutz. Zum Bildungs- und Förderdenken, welches die gesundheitliche und soziale Versorgung verbindet, tritt deutlicher der Schutzgedanke. Konsequenz: Entwicklung sozialer Frühwarnsysteme mit dem Handlungsdreischritt : Erkennen, Benennen, Handeln. Familienbildung –notwendige Aufgabe in Zeiten in denen sich weniger Familien „bilden“... Einbeziehung des Vortrages von Prof. Bertram: Gefahr der Verinselung von Kindern, dem isolierten Aufwachsen. Die Komplexität der Lebensverhältnisse erfordert für Familie als erster Erfahrungswelt des Kindes - Interaktions- u. Versorgungssystem – Leistungen weiterer Systeme (frühe Erfahrungen mit Gleichaltrigen, Kita usw.). Das Kind entwickelt sich im „handelnden Vollzug“ mit seiner Umwelt. Verunsicherung im Versorgungs- und Erziehungsverhalten betrifft nicht nur Familien in Benachteiligungssituationen. Belastungen der frühen Kommunikation/Beziehung, der unzureichenden Ernährung und Versorgung zeigen sich in vielen familiären Kontexten. Eltern- und Familienbildung braucht viele Facetten, um zu einer frühen und selbstverständlicheren Unterstützung und damit zum Entstehen einer positiven Gegenseitigkeit (Papousek) zwischen Eltern und Kind beizutragen. Es geht um veränderte Zugehensweisen, wenn Zielgruppen erreicht werden sollen, die übliche Unterstützungsangebote nicht nutzen. Stigmatisieren ist wenig hilfreich und führt bei Eltern mit bereits bestehenden Defiziterfahrungen zu weiterem Rückzug. (Zur Formulierung „Kinder auf der Schattenseite des Lebens“....durch Frau von der Leyen). Unsicherheit, Gleichgültigkeit, nicht wahrnehmen von kindlichen Signalen, Vernachlässigung, Verrohung im Umgang mit Kindern hat viele Gesichter. Wir kennen die Parameter, die zu besonderen Risiken führen (können) und auf die wir interdisziplinär aufmerksam sein müssen (wirtschaftliche Not, Suchterkrankungen, mangelnde Selbstorganisation, Überforderung, Behinderungen, usw.). Gefährdungen (können) sich ergeben aus sozial-psychisch belasteter Umwelt, wenig anregender Umwelt. Die intuitive elterliche Kompetenz wird von Experten angezweifelt (z.B. Hurrelmann -Elternführerschein, verbindliche Elterntrainings,... ). Das Erkennen - Benennen - Handeln – Dreischritt der sozialen Frühwarnsysteme – ist daher ein allgemein notwendiger Bestandteil der Arbeit mit allen Familien. In der frühen Kindheit beginnt, aus dem Wechselspiel von Anlage und Umwelt,der lebenslang bestehende Prozess der Persönlichkeitsentwicklung. Unterschiedliche menschliche Entwicklung basiert auf der Einzigartigkeit genetischer Anlagen-DNS (innere Realität, körperliche und psychische Konstitution, Begriff: Hurrelmann). Was aus ihnen wird, ob sie sich verstärken oder verkümmern, hängt von den Bedingungen ab, unter denen ein Kind aufwächst (äußere Realität; soziale und physikalische Umwelt, Umweltimpulse (Begriff: Hurrelmann)). Der produktive Prozess der Auseinandersetzung mit den eigenen Fähigkeiten findet in vielfältigen Systemen statt (Familie, Kita, Schule usw.). Die Teilsysteme Mensch und Umwelt wirken aufeinander, Veränderungen im jeweiligen System haben ihre Wirkungen und Auswirkungen. Im systemischen Entwicklungsbegriff ist der Mensch Gestalter seiner Umwelt, seiner Entwicklung als erkennendes und selbstreflektierendes Wesen.
Individuelle und gesellschaftliche Verantwortung - für fördernde und behütete Kindheit beginnt mit den pränatalen Erfahrungen während der Schwangerschaft , setzt sich fort bei den Entwicklungsaufgaben des Kindesalters: Aufbau emotionalen Grundvertrauens, (elterliche Feinfühligkeit....), Entwicklung der Intelligenz, (Nutzung der Plastizität des Gehirns durch aktive Umweltinteraktion...), Entwickung der motorischen /sprachlichen Fähigkeiten, “bewegte Kindheit... Entwicklung sozialer Kompetenz.“ Wir werden wir selbst im Spiegel der anderen: Verbindung früher emotionaler Erfahrungen - Auswirkungen auf Anpassungs- und Lernfähigkeit. Tschöpe- Scheffler formuliert die Bedarfe eines Kindes an emotionaler Umsorgung so: Wahrnehmende Liebe, Achtung/Respekt, Kooperation - Mitbestimmung, Struktur und Verbindlichkeit, allseitige Förderung.
Psychosoziale Versorgung und Kindeswohl / Gesetzgebung Die allgemeine Legitimation von Hilfeleistungen und Anforderungen werden im KJHG/SGB VIII, dem Leistungsgesetz der Jugendhilfe, besonders betont. Im § 1 des SGB VIII recht allgemein als „Recht zur Persönlichkeitsentfaltung“- Die großzügige Formulierung akzeptiert unterschiedliche Lebenslagen und Erziehungsvorstellungen, ausgerichtet an Faktoren, die den Entwicklungsprozess hindern. Der §16 betont den vorbeugenden Charakter der Familienbildung, verweist auf Vernetzung. Durch die im Okt. 2005 erfolgte Einfügung des §8a ist der staatliche Sorge- und Schutzgedanke – das staatliche „Wächteramt“ – verstärkt worden. Der Gestaltungsspielraum des KJHG, angelegt als präventives Leistungsgesetz, ist im kommunalen Bereich zur Prävention und frühen Intervention nur unzureichend genutzt worden. Unter dem vorherrschenden Kostendruck wurden die sog. Sollleistungen (z.B §16) finanziell nur unzureichend ausgestattet um den Pflichtaufgaben noch nachkommen zu können(ab §27, Hilfen zur Erziehung). Nur durch persönliches Engagement wurden frühe Interventionen mit den Leistungen des ASD verbunden, wurden aber als Steuerungsinstrument - sowohl auf der Leistungs- wie Kostenebene - nur unzureichend gewichtet.
Also: Über Ursachen und Notwendigkeit früher Hilfen sind wir bestens informiert, auch wissen wir, warum es so mühselig ist, diese Hilfen gesetzlich festzuschreiben und aus dem Projektcharakter herauszuführen. Daher die Fragestellung:
Was müssen wir besser machen als bisher, um zu einem integriertem Gesamtkonzept früher Interventionen zu gelangen? Welche Kriterien der breiten Förderung unter Beachtung des Schutzbedürfnisses besonders zu umsorgender Zielgruppen sollten wir beachten?
Am Beispiel des Herforder Projektes
„steps“ - Optimierung früher Hilfen für junge Familien mit besonderen Belastungen“
zeige ich die Entwicklung einer breit angelegten Vernetzung auf. Sie beginnt vor der Geburt und begleitet junge Familien mit Hilfebedarf bis in die gesicherte Grundschulzeit. Wie bei einem Staffellauf werden die Familien in den einzelnen aufeinander aufbauenden „steps“ weiterbegleitet. Sie werden im Blick behalten und nicht fallengelassen.
Kooperationszusammenhang: Arbeitskreis Gesundheitsförderung, Broschüre „Überblick“, Partner/Multiplikatoren aus dem gesundheitl. /therapeutischen System, Kindertagesstätten und Grundschulen, Einbindung der Krankenkassen (IKK ), Gesundheitskonferenz, Zusammenarbeit mit Uni Bielefeld / Fakultät Gesundheitswissenschaften, Einbindung von Praktikanten.
Seit 2005 mit im U3 Projekt des Landesjugendamtes NRW., Abgleich mit anderen Frühwarnsystemen (lernen von Opstapje, ISA-Dokumentationen (Frau Ziegenhain, Frau Wagenblass), Infos von der BzgA, WZB- Qualitätssicherung ,Dokumentation. Am schwierigsten: kommunale Einbindung - Vorstellung im Jugendhilfeausschuss, Gesundheits- und Sozialausschuss, Schulen.
Die Darstellung des Projektes (Konzeption usw.) ist nachzulesen auf der Website: www.steps-herford.de
Das Projekt führt Teilschritte, die von unterschiedlichen Trägern bearbeitet werden, zu einem Netzwerk zusammen, das durch Gemeinsame Leitgedanken und Erfahrungen geknüpft und weiterentwickelt wird: Erziehung geht nicht ohne Beziehung - es muss deutlich mehr Beziehungsarbeit und aufsuchende Hilfe geleistet werden. Die Wertschätzung der Zielgruppe und der beteiligten Professionen/Institutionen untereinander ist Voraussetzung für die gemeinsame Arbeit im Projekt. Wir arbeiten ressourcenorientiert, setzen bei der Zielgruppe methodisch da an, was gut geklappt hat und nicht bei den Defiziten („Erklär mir Deine Welt“). Wir sorgen uns mit um eine Inanspruchnahme der medizinischen Versorgung, Hebamme, Vorsorgeuntersuchungen und erinnern (checkheft), begleiten. Wir arbeiten über Fachtagungen usw. an einer besseren compliance zwischen Hebammen, Kinderärzten und Familien (weg vom „Ärzte-hopping“). Wir leisten gesellschaftliche Aufklärung, bereits in Schulklassen (Verantwortliche Elternschaft, Verhütung, was tun bei früher Schwangerschaft, ...). Wir informieren über die Form der Dokumentation, Blitzbefragungen bei der Zielgruppe. Wir erreichen eine langfristige Zusammenarbeit von der Geburt bis zur Grundschule – behalten die Familien im Blick. Wir sorgen dafür, dass Familien Hoffnung haben, dass sie Veränderungen für möglich halten und in kleinen Schritten beginnen – dass sie eigene Ressourcen sehen, auch selbst wieder Verantwortung übernehmen (empowerment). Wir achten bei der Wahl der Mitarbeiter (professionell oder ehrenamtlich) auf gebildete Menschlichkeit und fachliches Können. Wir nutzen die Möglichkeiten einer Inobhutnahme, wenn Veränderungen im familiären Umfeld nicht erreicht werden, versuchen aber die Eltern weiter für ihr Kind zu gewinnen. Durch enge Anbindung des Projektes an den ASD ist eine schnelle Intervention bei Kindeswohlgefährdung möglich und wird von allen Mitarbeitern als verbindliche Verpflichtung gesehen.
Ausblick: Weitere Schritte : „Babys willkommen“ –Begrüßungsbesuch Vätertraining – (Wunsch der Mütter..) ist zu verbessern Verbindung zu Familienzentren und Kinderärzten werden verstärkt Öffentlichkeitsarbeit im Sinne gemeinsamer Verantwortung Aus dem Projektcharakter heraus durch gesetzliche Weiterentwicklung, Hoffnung auf Präventionsgesetz? Diskussion besteht jetzt gut 10 Jahre.... Vereinsarbeit fortsetzen, Offenheit für Themen der Gesundheitsförderung nutzen Einfordern: Mehr Einbindung von Landes- und Bundespolitikern in die Diskussion mit der Basis. Praktiker vor Ort erfahren von der Zielgruppe was sie braucht! Teilnahme von Experten in entsprechenden Gremien vermittelt eher was sie denken was die Zielgruppe benötigt und was gesellschaftlich erwünscht erscheint. Gesetzliche Vereinfachung der Leistungsgewährung für auffällige Kinder
Leitsätze für die Arbeit, die einen langen Atem braucht und auf behutsame Veränderung setzt: Wo keine Hoffnung ist, da muss man sie erfinden (Marie-Luise Conen) Sei, was Du scheinen willst (Sokrates)
Doris Hellweg weitere Infos: www.steps-herford.de |
||